Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution

Was hat jungen Menschen – alle um die 20 Jahre alt – 1989 in Leipzig Mut und Kraft gegeben, gegen die Allmacht des DDR-Staates auf die Straße zu gehen? Zigtausende Flugblätter zu drucken und in die Briefkästen zu verteilen, sich der Bespitzelung auszusetzen, ins Gefängnis zu gehen notfalls für viele Jahre?

 

Diese Frage stand im Raum, als kürzlich eine der damaligen Bürgerrechtlerinnen, Gesine Oltmanns (Porträt), und Buchautor Peter Wensierski die Studentengemeinde in Halle besuchten.

 

Mit seinem Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“, das Wensierski bei der Gelegenheit den gut 50 Gästen vorstellte, versucht der ehemalige Spiegelredakteur darauf eine Antwort zu geben.

 

Wie beide, Oltmanns und Wensierski, im Gespräch mehrfach betonten, war es vor allem der Wunsch, nicht mehr bevormundet zu werden. Das Leben in der DDR sei wie in einem Kindergarten gewesen. Nahezu alles wurde reglementiert. Man durfte nicht leben, wie man wollte, nicht reisen, nicht reden, nicht die Bücher lesen, die einen interessierten, nicht die Musik hören, die einem gefiel… Selbst die Organisation eines Straßenmusikfestes wurde mit Strafen belegt.

 

Das alles, dieses große Verlangen, wie mündige, wie erwachsene Menschen leben zu dürfen, verlieh den jungen Leipziger enormen Mut. Gesine Oltmanns bekräftigte: „Es musste sich etwas ändern. So konnte und durfte es nicht weitergehen.“  

 

Trotz Angst und Bedrohung bewahrten sich die jungen Leipziger ihre Lebensfreude und ihre Zuversicht. Sie lebten und feierten gemeinsam in einem Abrisshaus. Unternahmen miteinander Ausflüge. Diskutierten, debattierten nächtelang und heckten mitunter ziemlich skurrile Pläne aus, um die DDR-Staatsmacht anzugehen oder bloßzustellen, um endlich aus der erzwungenen Unmündigkeit heraus zu kommen. Und mit jeder gelungenen Aktion wurde die Angst etwas kleiner.

 

Geradezu frech war es, als einer von ihnen sein Verhör nach der Zuführung mit einem Aufnahmegerät in der Tasche mitschneidet und dem verhörenden Stasi-Mann antwortet, er müsse die anderen erst einmal fragen, ob er deren Namen nennen dürfe. Ähnlich verwegen war es zudem, als einer der Jugendlichen den Spieß umdreht und beginnt die Stasispitzel zu fotografieren. Der Geheimdienst sollte nicht länger geheim bleiben. Wenn Menschen ihre Angst verlieren, so das Fazit von Oltmanns und Wensierski, können sie Unglaubliches bewegen.