Du bist ungerecht!

 

„Du bist ungerecht!“, schreit mein Neffe und blickt seiner Mutter wütend ins Gesicht. Gerade hat sie den Fernseher ausgeschaltet und schickt ihn nun ins Bett.

 

Schuld - „Wir sind jedem Menschen etwas schuldig“, ich lese ich: Der Verkäuferin, die uns bedient, dem Lokführer, der uns an einen anderen Ort bringt, der Frau, die nach uns die öffentliche Toilette sauber macht...

 

Gerechtigkeit und Schuld - zwei Dinge, die nach Meinung vieler Philosophen zusammen gehören.

 

Aber warum behauptet da jemand: „Wir sind jedem Menschen etwas schuldig.“ Und warum können wir für uns und für andere Gerechtigkeit einfordern?

 

Offenbar gibt es etwas, das mir zusteht, etwas auf das jeder einen gerechten Anspruch hat. Dieses Etwas haben wir uns nicht erarbeitet; ich habe es einfach so: Weil ich Mensch bin, weil ich Person bin. Weil Gott mich geschaffen hat und wertschätzt.

 

Ich bin jedem anderen Menschen etwas schuldig.

 

Gerechtigkeit hat immer auch etwas mit dem anderen zu tun. Auch er hat ja sein Recht, auch er hat ja etwas, das ihm zusteht. Vor allem das Recht, er selbst zu sein. Ich muss ihn - will ich gerecht handeln - in seinem Anderssein anerkennen.

 

Das geht natürlich nicht in jedem Fall. Gerechtigkeit hat auch Grenzen, und nicht immer kann Schuld völlig abgeleistet werden.

 

Wer sich um Gerechtigkeit müht, der sollte sich darum ebenso um Freundlichkeit und Freigebigkeit mühen. Schon der Kirchenlehrer Thomas von Aquin sagte darum „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit aber - das ist Grausamkeit.“