Jesus trägt Judas nach Hause

Monatelang, vielleicht über Jahre hinweg ist Judas mit Jesus von Ort zu Ort gezogen, hat ihm an den Lippen gehangen, ihn als seinen Meister und Messias verehrt. Und jetzt liefert er ihn aus… Warum?

 

Die Versuche, das Handeln des Judas zu verstehen, sind sehr verschieden und ich kann sie hier nur anreißen:

 

  • Schon in der frühen Kirche wird Judas als der Jünger gesehen, der unsere Erlösung durch seinen Verrat erst möglich gemacht hat. Er hat Jesus verraten, damit Jesus für uns sterben kann … Judas stand sozusagen im Dienst der Erlösung. Und diese These vertreten manche Theologen auch heute noch.
  • Ein anderer Gedanke: Judas ist von Jesus enttäuscht. Judas hatte fest damit gerechnet, dass Jesus ein neues, ein starkes Israel errichtet. Dass mit Jesus jetzt und hier das Heil sichtbar und greifbar wird. Judas hatte auf ein diesseitiges, mächtiges Gottesreich gehofft. Und nun verkündet Jesus ein Reich ohne weltliche Macht und ohne Waffen. Wollte Judas Jesus vielleicht zum Handeln herausfordern? Wollte er ihn provozieren, endlich nicht mehr nur vom Reich Gottes zu predigen, sondern es Wirklichkeit werden zu lassen?

 

Auf jeden Fall sollten wir, denke ich, vorsichtig auf Judas schauen und ihn nicht verurteilen. Offenbar tat das ja auch Jesus nicht. So legen es jedenfalls die Evangelien nahe.

 

Was mir an der Figur des Judas aber das Wichtigste ist: Er provoziert mich. Er lässt mich fragen: Wie viel Judas steckt vielleicht in mir…

  • Was erwarte ich von Jesus?
  • Bin ich nicht auch manchmal von Gott enttäuscht und frage: Gott, warum lässt Du das zu?
  • Wie gehe ich damit um, wenn ich den Eindruck habe, mein Beten ist umsonst?
  • Kann ich trotzdem vertrauen, dass Gott einen guten Plan mit mir hat, der vielleicht ein anderer ist, als ich es mir gerade vorstelle?
  • Bin ich bereit, mich Gottes Plan mit mir zu stellen, mich darauf einzulassen?

Ich möchte Euch ermuntern, mit Judas auf das Osterfest zuzugehen. Euch an meine Fragen noch einmal zu erinnern.  Vielleicht gönnt sich der eine oder andere - zum Beispiel am sehr stillen Karsamstag - etwas Zeit, diese Fragen noch einmal bedenken. Sucht Euch einen stillen Ort, vielleicht zündet Ihr eine Kerze an und gönnt Euch und Eurem Glauben ein paar Minuten …

 

Zum Ende dieser Gedanken noch ein sehr hoffnungsvoller Ausblick, der mich auch zurückdenken lässt an unseren Abend mit Schwester Claudia. Da tauchte ja recht plötzlich die Frage auf, wie es denn um Himmel und Hölle steht. Hat beispielsweise ein Massenmöder wie Adolf Eichmann eine Chance auf Vergebung? Kann er der Hölle überhaupt entgehen?

 

Beim Schreiben dieses Textes bin ich auf eine Judas-Darstellung gestoßen, die oben zu sehen ist. An diesem  Kapitel der Kirche in Vézelay ist Judas zweimal Mal dargestellt.  Der Künstler zeigt, wie Jesus nach seiner Auferstehung zum erhängten Judas kommt. Er nimmt ihn vom Strick ab und er trägt ihn auf seinen Schultern.  Was für eine unglaubliche Wende geschieht hier. Und welche großartige Hoffnung kommt hier zum Vorschein. Die Botschaft ist, meine ich, überdeutlich: Selbst Judas, der Jesus verraten und ans Kreuz ausgeliefert hat, wird durch Jesus gerettet.

 

Auch Papst Franziskus kennt dieses Kapitel. In einem Interview sagte er einmal dazu: Diese Darstellung habe ihn „zutiefst berührt“. Jesus, der Gute Hirt, trägt den toten Judas auf seinen Schultern nach Hause. Das, so der Papst, war die Theologie des Mittelalters, wie die Mönche sie lehrten: Der Herr vergibt bis zuletzt.