Die Kirche verändert sich

 

Kirche kann sich verändern. Kirche verändert sich immer. Und: Ein Dogma ist durchaus nicht so statisch, wie es wohl die meisten Christen zu wissen meinen. Diese Erkenntnis haben die Zuhörer*innen mit auf den Weg bekommen, nachdem sie am Mittwoch, 19. Januar, eine Stunde dem Münsteraner Dogmatiker und Priester Michael Seewald zugehört hatten. Seewald war auf Einladung der Katholischen Studierendengemeinde Halle (KSG) zur Veranstaltung mit der Akademie des Bistums Magdeburg in die Moritzkirche und zum KSG-Abend gekommen. Der Vortrag – überschrieben „Reform - Dieselbe Kirche anders denken“ – wies einen Weg, auf dem Veränderung in der römisch-katholischen Kirche nach wie erreichbar ist, ohne die Kirche zu einer anderen zu machen.

 

Ein Dogma, so Seewald, sei bei genauem theologischem Hinsehen durchaus nicht so fest gefügt, wie allgemein gedacht wird. Es gebe sogar eine „Dynamik des Dogmatischen“, denn wo Verschärfungen – wie unter Johannes Paul II. erfolgt – möglich sind, müsse es auch die Möglichkeit der „Entschärfung“ geben. In diesem Zusammenhang verwies er auf einen anderen prominenten Dogmatiker, Walter Kasper, der unter anderem meint: Gerade heute scheine eine Reduktion der vielen Glaubenssätze auf das eine notwendig, dass Gott die Liebe ist.

 

Professor Michael Seewald

 

Von dieser grundlegenden göttlichen Liebe her sollen darum auch die Dogmen gelesen und verstanden werden. Das Dogma, machte Michael Seewald deutlich, stehe nicht über, sondern unter dem Evangelium, unter der „Kraft Gottes zur Rettung eines jeden, der glaubt“, unter der Zuwendung Jesu zu jedem Menschen.

 

Dogmatische Theologie bestehe daher nicht in der „Reproduktion doktrinaler Bestände“, sondern darin, dass die Zeichen der Zeit daraufhin geprüft werden, wie sich das, was sich damals in Jesus ereignet hat, heute angesichts veränderter Umstände als Evangelium verkünden lässt. „Gelingt es nicht mehr, einen Glaubenssatz als Frohe Botschaft zu verkünden oder ihn zumindest in einen evangeliumsgemäßen Zusammenhang einzuordnen“, äußerte Seewald, „muss sich die Lehre der Kirche verändern und zwar auch dann, wenn es sich um vermeintlich altbewährte Doktrinen handelt.“

 

Die Reform der Kirche ist notwendig und möglich, betonte der Referent mehrfach. Die Veränderung bedrohe auch nicht das Wesen der Kirche. Vielmehr helfe sie, das Wesentliche zu bewahren. Wie jeder Mensch sich während seiner Lebenszeit verändert und doch er selbst bleibt, wie ein und derselbe Mensch sich über Jahrzehnte verändert, ohne sich zu verlieren, ebenso müsse sich auch die Kirche weiterentwickeln, um ihrem Auftrag in Gegenwart und Zukunft entsprechen zu können: Allen Menschen die Liebe Gottes nahezubringen.